Dem Papst ist ein Schreiben gelungen, das durch seine Realitätsnähe, seinen mitfühlenden Sprachduktus, seine klare Positionierung und seine Selbstkritik beeindruckt. Immer wieder lässt er seine jesuitische Handschriftin der ignatianischen Unterscheidung der Geister und dem Prinzip der Inkulturation erkennen. Der synodale Weg habe es ermöglicht, die Situationen der Familien in der heutigen Welt offen darzule- gen, den Blick zu weiten, Fragen weiter zu vertiefen und in der Reflexion weitere Klarheit zu gewinnen (vgl. AL2). Der Papst eröffnet einen Raum der gemeinsamen Verständigung und einer lebensförder- lichen Lösungsorientierung, wenn er sagt, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL3). Die notwendige Einheit von Lehre und Praxis sei dabei kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen wei- terbestehen könnten. Der Blick auf die Familie als Hauskirche (vgl. AL15 und 87) weitet die Perspektive der Ausführungen über die konkrete Paarbeziehung und den konkreten Familienkontext hinaus auf unseren Umgang miteinander, z.B. auch in der „Pfarrfamilie“. Dabei gilt es, Beziehungen (Verwiesenheit von Menschen aufeinander) als einen dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung zu verstehen, indem die Gewissensbildung unterstützt, aber nie ersetzt werden kann (vgl. AL37). Die Unterscheidung der unterschiedlichen Situationen ist ein wichtiges Prinzip, das der synodale Weg aufgezeigt hat und dasuns nie vorschnell urteilen oder sogar verurteilen lassen sollte, denn „es ist erforderlich, auf die Art und Weise zu achten, in der Menschen leben und aufgrund ihres Zustands leiden“ (AL79). Die Stärkung der Familie erfolgt in einer Vermehrung der Liebe, die vor aller Ordnung und Zurecht- weisung zu Annahme und Beheimatung führt. Wie diese Liebe sich gestaltet führt Papst Franziskus in einer exegetischen Betrachtung der Liebe nach 1 Kor 13,4-7 im IV. Kapitel vom Amoris Laetitia aus. Danach festigt sich die Langmut, um hier einen Aspekt zu betrachten, „wenn ich anerkenne, dass der andere genauso ein Recht hat, auf dieser Erde zu leben, gemeinsam mit mir und so wie er ist. […] Die Liebe hat immer ein tiefes Mitgefühl, das dazu führt, den anderen als Teil dieser Welt zu akzeptieren, auch wenn er anders handeln sollte, als ich es gerne hätte“ (AL92).Geben auch wir der Liebe den Vorrang, damit die Liebe unter uns wachsen kann.
Wolf-Dieter Wöffler,
Pastoralreferent ●