Der Glaube versetzt bekanntlich Berge und im Evangelium des Erntedanksonntags sagt es Jesus seinen Jünger:innen ganz klar: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6)
Senfkornglaube und Vertrauenserde
29.09.2022 |
Mal abgesehen von der Sinnhaftigkeit einer Maulbeerbaumexistenz im Meer, macht Jesus hier deutlich: Wenn du ganz fest an etwas glaubst, werden auch unmögliche Dinge möglich. Und das kennen wir aus unserem Alltag. Wie oft halten wir gegen alle Erfahrung daran fest, die Dinge verändern
zu können und plötzlich lassen sie sich verändern. Klassische Beispiele sind im Sport die Duelle Groß gegen Klein oder die Erfolge, die die eigentlich Unterlegenen gegen die Überlegenen feiern, weil sie an sich und ihre Sache glauben. Oder die zahlreichen Projekte in den benachteiligten Gegenden unserer Welt, in denen Menschen ihren Lebensraum durch den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes nachhaltig verändern. An diesen Beispielen wird ganz praktisch deutlich, was Paulus Timotheus sagt: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft“ (2 Tim 1,7), der uns leidens- und überlebensfähig macht, wenn wir nur bereit sind, uns von ihm erfüllen zu lassen und Gottes Zusage zu vertrauen.
Dabei ist das Vertrauen die Grundlage jeder gelingenden Beziehung und nur im Vertrauen auf die Möglichkeit des Unmöglichen kann unsere Beziehung zu Gott wachsen. Dabei hilft eine tragende Gemeinschaft und die konkrete Erfahrung, dass im Miteinander plötzlich Dinge möglich werden, die ich mir alleine nicht hätte vorstellen können. Aus vielen unterschiedlichen Perspektiven kann dann ein gemeinsames Handeln werden,
weil wir uns zuhören und einander vertrauen. Und der Glaube in Senfkorngröße alleine reicht nicht, wenn er nicht in die Erde des Vertrauens zu Gott gepflanzt ist, um dort weiter wachsen zu können. Das klingt leichter als es sich anfühlt.
Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung, der Abnahme des Wohlstandes wie wir ihn kennen und des Verlustes von Wertmaßstäben, die unverrückbar erschienen. Wir erleben dies in globalen Zusammenhängen, aber auch immer wieder in unserer kleinen, ganz privaten Welt.
Wir Christen begegnen auf der Suche nach einem Miteinander unserem Gott in den Zeichen von Brot und Wein, die wir teilen. Sie sind Zeichen der Lebendigkeit dieser Welt und der Tatsache, dass Gott in uns lebendig bleiben will. So gilt auch hier, was Paulus dem Timotheus sagt: Bleibe im Vertrauen und in der Liebe, die uns in Christus Jesus geschenkt ist (vgl. 2 Tim 1,13) . Die Begegnung mit Jesus Christus im Teilen von Brot und Wein kann unser Funke Hoffnung sein, der neben allen Nöten und Abbrüchen das Aufbrechen neuen Lebens und neuer Lebendigkeit wahrnimmt und durch tätiges Beispiel verkündet. Hier fällt der Senfkornglaube in die die Erde des Vertrauens zu Gott und kann wachsen und wachsen und wachsen.
Wolf-Dieter Wöffler
Pastoralreferent
